Hallo Antonia, bist du so lieb und stellst dich kurz vor?

Ich bin Still-, Beikost- und Trageberaterin und begleite Familien so mit einem kleinen Rundum-Paket von der Schwangerschaft an durch die ersten zwei bis drei Jahre Baby- und Kleinkindzeit. Außerdem bin ich selbst Mama von einem 3,5 jährigen Sohn, der diese ganze Theorie am eigenen Leib erfahren hat, gestillt und getragen wurde…

Oft denkt man ja, wenn man ein Kind gekriegt hat, wird das Stillen schon von alleine klappen.

Ja, aber so ist es tatsächlich nicht. Stillen ist eine erlernte Fähigkeit. Ursprünglich haben wir Menschen das von unseren Müttern, Schwestern, Tanten, usw. gelernt, mit denen wir in einer Großfamilie zusammengelebt haben. Eine junge Frau konnte schon dutzende Mal sehen, wie man ein Kind stillt bevor sie selbst das erste Mal Mutter wurde. Wenn es so weit war, waren Tag und Nacht viele stillerfahrene Frauen zur Unterstützung um sie herum. Heute ist oft das eigene Baby das erste, was eine Frau überhaupt intensiv erlebt. Junge Mütter sitzen meist ziemlich allein Zuhause und alle paar Tage kommt die Hebamme mal kurz vorbei.

So funktioniert Stillen einfach nicht. Es bräuchte in unserer heutigen Gesellschaft viel mehr Begleitung und Wissensvermittlung. Oft ist die Vorstellung von Stillen, Milchbildung, Babyverhalten usw. eine sehr verschwommene, die dann nicht so wahnsinnig viel mit der Realität zu tun hat. Daher biete ich Stillvorbereitungskurse und einen Stilltreff an. Fast jede Frau hat an irgendeinem Punkt der Stillbeziehung Fragen oder Sorgen. Dann ist es gut, wenn man jemanden hat, den man ansprechen kann.

Stillen ist eine erlernte Fähigkeit

Die Mama kann ihr Kind einfach außerhalb der Kita-Zeiten weiter nach Bedarf stillen. In der Kita bekommt das Kind dann ausschließlich Beikost. Durch eine Eingewöhnung an die Kita nach Berliner Modell erhöht sich sukzessive die stillfreie Zeit für Kind und Brust. 

Wir wollen heute über eine besondere Situation sprechen, die dir sehr am Herzen liegt.

Viele Frauen glauben, dass Stillen und der typische Kita- und Job-Start zum ersten Geburtstag des Kindes nicht miteinander zu vereinbaren sind. Das finde ich total schade, weil es eine ganz falsche Vorstellung ist. Es gibt leider immer noch ErzieherInnen/Kitas, die behaupten, die Eingewöhnung könne nicht funktionieren, wenn das Kind noch gestillt wird. Es entsteht also eine Situation, in der die Frauen wahnsinnig unter Druck stehen. Eigentlich läuft das Stillen gut, auch die Beikost läuft gut, alles schön – nur von außen wird Druck aufgebaut, dass zum ersten Geburtstag unbedingt abgestillt werden muss.

Was für ein Problem hat die Kita denn mit dem Stillen?

Gute Frage! Problem ist einzig die überholte Vorstellung, dass ein Kind, welches eine enge Bindung zur Mutter hat, sich schlechter in Betreuung geben lässt. Das Gegenteil ist aber Tatsache. Je sicherer ein Kind gebunden ist, umso selbstbewusster und offener für neue Erfahrungen ist es. Sprich umso leichter funktioniert auch ein großer Schritt, wie der Kita-Start. Was in der Wissenschaft heute allgemein anerkannt ist, scheint aber leider in der Realität von Kindergärten und ErzieherInnen noch nicht richtig angekommen.

Ist es auch mal der Irrglaube, dass die Erzieher vielleicht Muttermilchflaschen geben müssten oder Mama während der Arbeit kurz vorbei kommt?

Abgesehen davon, dass es gar nicht notwendig ist, würden das auch die meisten Mütter nicht wollen. Wir reden hier von Kindern, die ungefähr ein Jahr alt sind, wenn sie in die Kita starten.

Es ist nicht biologische Norm und es entspricht nicht dem Bedürfnis unserer Kinder, dass sie zum ersten Geburtstag abgestillt sind. Das spiegelt sich auch in der offiziellen Stillempfehlung der Weltgesundheitsorganisation und der nationalen Stillkommission wider. Empfohlen wird die ersten sechs Monate wird ausschließlich zu stillen und danach unter Einführung geeigneter Beikost weiter zu stillen bis mindestens zum zweiten Geburtstag und darüber hinaus, solange Mutter und Kind es wünschen.

Das ist viel länger, als in der Realität meistens umgesetzt wird.

Ja, leider. Außerdem ist es länger, als unsere Wahrnehmung davon, was normal ist. Wir sehen selten in der Öffentlichkeit oder den Medien wie Kleinkinder gestillt werden. Daher kommt in der Vorstellungswelt vieler Mütter gar nicht vor. Dabei ist es ernährungsphysiologisch und entwicklungspsychologisch sinnvoll. Zum ersten Geburtstag soll ungefähr die Hälfte des Energiebedarfs aus fester Nahrung gedeckt werden. Im Umkehrschluss heißt das, dass die andere Hälfte aus Muttermilch gedeckt werden soll. Außerdem ist Stillen aber noch viel mehr als Hunger und Durst stillen. Es wird „Mama getankt“. Die Kinder entspannen, verarbeiten die Eindrücke des Tages, versichern sich, dass alles in Ordnung ist. Je selbständiger das Kind wird, je mehr es rausgeht in die Welt, umso mehr Dinge gibt es auch, die verarbeitet werden müssen.

Eigentlich wird der sichere Hafen also gerade in dieser besonderen Situation wichtig, in der das Kind lernt, in die Kita zu gehen.

Genau. Dieser Aspekt wird im zweiten Lebensjahr immer wichtiger, der Ernährungsaspekt wird natürlich sukzessive weniger wichtig.

Kind in die Kita = Druck abzustillen

Hartnäckig hält sich der Glaube an die Unvereinbarkeit von Stillen, Kita und Beruf. Die Erzieher in einer Kita haben oft noch den Irrglaben, dass eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind eine gute Eingewöhnung erschwert. Mütter mit dem Wunsch, weiter zu stillen, bekommen wenig Unterstützung von außen. Sie fühlen sich oft unter Druck gesetzt, bis zur Wiederaufnahme ihrer Arbeit abgestillt haben zu müssen.

Wie sähe denn die Lösung aus? Wie kann man das in den Alltag integrieren?

Im Prinzip müssen die Mütter gar nichts tun, außer sich zu entspannen. Von der Vorstellung bis Tag X abgestillt haben zu müssen darf man sich komplett lösen. Die Empfehlung ist, ab Geburt nach Bedarf des Kindes zu stillen. Das tun fast alle Stillenden in den ersten sechs Monaten und verlassen sich darauf, dass das Kind weiß, was es braucht. Genauso kann man es weiter machen. Einfach nach Bedarf stillen und zusätzlich genauso entspannt und nach Bedarf Beikost anbieten.

Innerhalb der Kita wird ja dann ausschließlich Beikost gegeben?

Genau. Das ist gar kein Problem. Auch dafür gibt es eine Eingewöhnung. Mama geht erstmal fünf Minuten vor die Tür. In dieser Zeit wird natürlich nicht gestillt. Am nächsten Tag sind es nicht nur fünf Minuten, sondern vielleicht 20, irgendwann ist es eine Stunde und dann zwei. Man steigert die Trennungszeit sukzessive. Genauso sukzessive steigert sich auch für das Kind und für die Brust der Mutter die Zeit, in der es eine Stillpause gibt. Kinder mit einem Jahr wissen schon genau, dass es auch Alternativen gibt Hunger und Durst zu stillen. Wenn sie in der Zeit ohne Mama, Durst bekommen, werden sie wie alle anderen Kinder der Gruppe aus der roten Plastiktasse Pfefferminztee trinken und nicht freiwillig verdursten. Unsere Kinder sind ziemlich clevere, kompetente Menschlein.

Außerdem gibt es eine starke Gruppendynamik. Selbst die Kinder, die Zuhause bei Mama nicht viel gegessen und getrunken haben, werden im Kindergarten damit anfangen. Wenn zwanzig kleine Mäuse in der Gruppe sich um den Tisch setzen und Fischstäbchen mit Gurkensalat essen, wird auch das neue Kind sich dazu setzen und Fischstäbchen und Gurkensalat essen. Vielleicht nicht ab dem ersten Tag, aber wir reden schließlich von Eingewöhnung.

Die unerwartet einfache Lösung

Die Mama kann ihr Kind einfach außerhalb der Kita-Zeiten weiter nach Bedarf stillen. In der Kita bekommt das Kind dann ausschließlich Beikost. Durch eine Eingewöhnung an die Kita nach Berliner Modell erhöht sich sukzessive die stillfreie Zeit für Kind und Brust. 

Ganz zu Beginn der Eingewöhnung geht man erstmal gemeinsam mit seinem Kind in den Kindergarten, um ErzieherInnen und Räumlichkeiten kennen zu lernen. In dieser Phase wollen viele Stillkinder natürlich auch im Kindergarten an die Brust. Das ein ganz wichtiger Check ist: “Ist es hier sicher?”

Aha, unter dem Motto: “Wenn Mama sich hier sicher genug fühlt, um zu stillen, dann ist es hier auch sicher”?

Ja. Unsere Kinder sind kleine Urmenschenbabys Sie ticken genau wie vor 30.000 Jahren. Keine Urmenschenmama hätte sich irgendwo hingesetzt und in Ruhe gestillt, wenn Gefahr im Verzug gewesen wäre. Sie wäre geflohen und das Urmenschenkind hätte warten müssen. Genauso denken unsere Kinder heutzutage auch. In einer unbekannten herausfordernden Situation wollen sie erstmal an die Brust und finden darüber raus, ob Mama entspannt, sprich die Lage sicher, ist. Deswegen ist es gut, während der Eingewöhnung die Brust nicht zu verweigern, sondern zu zeigen: “Wir machen es uns hier gemütlich. Ich fühle mich hier wohl, das ist ein geschützter Raum. Natürlich kannst du an die Brust.”

Mit dieser Lösung hat die Kita ja gar nichts mit dem Stillen zu tun.

Richtig. In der Kita ohne Mama wird nicht gestillt, wenn Mama verfügbar ist – sofort beim Abholen, nachmittags, nachts, morgens – wird weiter nach Bedarf gestillt.

Dieses Vorgehen nimmt nebenbei auch ganz viel Druck aus der Beikost heraus. Wenn die Mutter sich nicht schon mit ihrem 8 Monate alten Kind Gedanken macht, dass es um Himmelswillen in 4 Monaten erfolgsreich abgestillt sein muss, dann ist Beikost wirklich BEIkost und nicht ANSTATTkost. Es ist für alle viel mehr Spaß und Genuss zu, essen zu lernen, wenn Kinder es in ihrem Tempo tun dürfen, als mit dem Abstilldruck im Kopf der Eltern.

Was habt ihr davon?

Der gewohnt sichere Hafen für dein Kind
Keine Abhängigkeit von Mitarbeit oder Wohlwollen der Kita oder des Arbeitsgebers
Kein Druck bei der Einführung von Beikost

Kann es ein Neidproblem bei anderen Kindern geben, wenn die sehen, das neue Kind wird gestillt?

Sollte es nicht, denn alle Kinder hatten eine Eingewöhnung. Dabei haben sie (hoffentlich) eine Beziehung zu den ErzieherInnen aufgebaut. Die Eingewöhnung eines neuen Kindes in Begleitung von Mama oder Papa bringt andere Kinder nicht in eine emotionale Notsituation, da sie sich im Kindergarten gut aufgehoben fühlen und die ErzieherInnen als Bezugspersonen wahrnehmen.

Macht es einen Unterschied, wie schnell die Eingewöhnung ist? Man bekommt ja schon mal mit, dass es heißt “Organisatorisch kriegen wir das nur in einer Woche hin”.

Stillen oder nicht, Eingewöhnung in einer Woche kann nicht gut gehen. Nicht umsonst ist die Eingewöhnung laut Berliner Modell mindestens drei Wochen lang.

Würdest du empfehlen, das Stillen proaktiv anzusprechen bei der Kita, bei der man sich anmeldet?

Ich würde es nicht groß thematisieren. Es ist einfach normal, dass ein Kind zum ersten Geburtstag gestillt wird. Wenn der Kindergarten es von sich aus anspricht, kann und muss man sich natürlich positionieren. Es hat nichts mit dem Kitaalltag zu tun, also müssen sie es im Prinzip nicht mal wissen. Aber leider muss man manchmal die eigenen Einstellungen, wie das Kind aufwachsen soll, gegenüber Familie, FreundInnen und eben auch gegenüber Kindergarten und Schule verteidigen. Wir sind da die Anwälte unserer Kinder.

Ich finde es superwichtig, dass jede Frau entscheiden kann, wann sie abstillen möchte. Natürlich darf eine Frau zum ersten Geburtstag abstillen, wenn SIE das möchte, aber nicht, weil die Kita es anordnet oder die Gesellschaft es suggeriert.

Da ist es sicher hilfreich, jemanden wie dich an der Seite zu haben, der auch Rückhalt geben kann. Und sagen kann “es ist wirklich gut, was du tust.” Da habe ich noch nie drüber nachgedacht, dass eine Stillberaterin auch hilfreich ist beim Abstillen ist und nicht nur beim Stillen.

Genau. Jede Frau sollte dann abstillen, wenn es sich für sie richtig anfühlt. Das kann nach zwei Wochen, nach einem Jahr oder nach vier Jahren sein. Es ist alles gut und richtig, solange es auf Wunsch der Frau und nicht auf Druck von außen passieren.

Bei Fragen zum Stillen, Abstillen und zur Beikost, ist eine Stillberaterin eine gute Ansprechpartnerin. Ich persönlich begleite total gerne Abstillprozesse, weil ich es sehr schätze, wenn Frauen diesen Weg selbstbestimmt gehen und versuchen für sich und das Kind den bestmöglichen Kompromiss suchen. Diese Frauen haben es verdient, dass es jemanden gibt, der sie auf diesem Weg begleitet.

Eine tolle Anlaufstelle für Rückendeckung und Zuspruch ist außerdem mein Stilltreff. Das ist eine offene Gruppe einmal in der Woche in einem kleinen Familiencafé, dem Café Himbeerfrosch (Hackenbergstr. 29, 12489 Berlin). Die Gruppe ist offen für Mütter, die in irgendeiner Art und Weise stillen. Egal ob sie vollstillen, teilstillen, gerade abstillen, alle zwei Wochen einmal stillen… Frauen treffen dort auf gleichgesinnte Frauen, können sich austauschen und merken, dass sie nicht allein sind. Zudem bin ich da und moderiere fachlich. Es macht vieles leichter, wenn man versteht, warum unsere Kinder sich verhalten wie sie es tun. Dann kann man leichter darauf eingehen und manches nervt einen weniger. Darum sprechen wir nicht nur übers Stillen, sondern auch über Tragen, Beikost, Schlafen, Entwicklung usw. In der Gruppe findet man ein bisschen das sprichwörtliche Dorf, das es braucht, um ein Kind großzuziehen. Infos zum Stilltreff finden Frauen auf meiner Website (http://stillberatung-treptow.de/Kurse/). 

Für intensive, individuelle Beratung könnt ihr Antonia natürlich über ihre Website kontaktieren.

Antonia Wangermann

Stillberatung Treptow
www.stillberatung-treptow.de